Aufschieberitis

Es ist Wochenende. Endlich hast du Zeit. Du sitzt hoch motiviert am Rechner und nun soll es losgehen. Der Roman, der dir seit geraumer Zeit im Kopf rumgeistert, soll zu Papier gebracht werden. Du träumst schon davon, wie du das fertige Buch für deine Leser auf Lesungen signierst. Die Verkaufszahlen sind gigantisch und finanziell hast du ausgesorgt. Dein Schreibprogramm ist geöffnet und du willst direkt loslegen, da gibt es das vertraute PLING deines Email-Programms – eine Email ist eingetroffen – die kannst du ja noch schnell lesen, dann geht es aber auch wirklich los. Na gut, noch eben rasch bei Facebook reinschauen, wenn du schon dabei bist. Twitter erledigst du natürlich auch gleich mit. Ein interessanter Link… das Telefon klingelt… und plötzlich sagst du dir: Morgen ist ja auch noch ein Tag!

Ablenkungen abschalten! Einfach mal das Netzwerkkabel abziehen, das Kabel vom Telefon gleich mit. Schild an die Tür: Bitte nicht stören! Simpel, aber wirkungsvoll.

Am nächsten Tag siehst du das Endprodukt förmlich vor Augen. Deinen Roman. 500 Seiten sollte er ja schon mindestens haben … eine Trilogie oder ein ganzer Zyklus wäre eigentlich noch besser …
Es ist ja klar, dass du den Roman nicht am Stück schreiben wirst. Aber am Ende liest den dann vielleicht doch niemand. Zweifel kommen auf und die vergeudete Zeit hättest du dann sinnvoller nutzen können. Da meldet sich dein Email-Programm wieder… PLING Ein Freund hat dir einen Link zu einem unterhaltsamen Youtube Video geschickt. Du klickst… Du sagst dir: Morgen, ja morgen geht es aber wirklich los.

Angst vor dem Erfolg?

Du kommst nach Hause. Ein 10-Stunden-Arbeitstag deines Brotjobs liegt hinter dir. Dein Schreibprogramm ist wieder geöffnet. Du gehst in Gedanken, nicht zum ersten Mal,  deine Geschichte durch. Noch bevor du ein Wort geschrieben hast, musst du zur Sicherheit nochmal in einen deiner Schreibratgeber nachschlagen, wie man die Sache mit dem Anfang am besten löst. Schreibe nicht über das Wetter, lasse deinen Protagonisten nicht aus dem Fenster schauen. Du willst schließlich keine Fehler machen. Du willst einen perfekten Roman abliefern.

Perfektionismus ist verkleidete Aufschieberitis. Werde unperfekter!

So ziehen die Tage und Wochen ins Land. Von deinem Roman ist noch kein einziges Wort geschrieben. Du könntest jederzeit anfangen … Aber ohne es zu merken, bist du in der Aufschieberitis-Falle gefangen.

Meine Lösungsvorschläge:

  • Anstatt gleich den Roman als Ganzes zu betrachten, solltest du ihn in kleine Teilaufgaben zerlegen. Entwickel deine Charaktere, plotte deine Handlung. Wenn du recherchieren musst, dann kommt das ebenfalls als Teilaufgabe auf deine Liste, die du Stück für Stück abarbeitest.
  • Gönne dir auch eine Belohnung, wenn du eine Teilaufgabe deines Romans erledigt hast. So bleibst du motiviert. Definiere diese Belohnungen aber vorher!
  • Schaffe dir Rituale (eine Tasse Kaffee zum Anfang, den Bleistift anspitzen, …). Das Gehirn lässt sich leicht in einen Zustand bringen, wo du quasi von selbst schreibst. Gewohnheit ist alles!
  • Schreibe nicht nach deinem Brotjob. Die meisten sind danach völlig ausgelaugt. Stehe täglich eine Stunde eher auf. Beginn dein Ritual und dann hau in die Tasten. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Und der frühe Autor schreibt mehr Text.
  • Beseitige Zweifel. Wenn dir Ideen fehlen, dann nutze Kreativitätstechniken (z.B. die AIM), mangelnde Rechtschreibung kann man durch Lernen verbessern, ansonsten gibt es ja auch noch das Korrektorat.
  • Dein Roman muss nicht perfekt sein, denn den „perfekten Roman“ gibt es nicht. Du wirst immer Stellen finden, wo du nochmal eben was ändern musst. Hier ein Wort, dort ein Satz und der Roman wird und wird nicht fertig. Also werde unperfekter.

Bist du immer noch in der Aufschieberitis-Falle gefangen? Dann befreie dich JETZT. 😉
Über Kommentare freue ich mich natürlich auch zu diesem Thema.

Links zum Artikel:

12 Antworten auf „Aufschieberitis“

  1. Hallo, ein sehr schöner Artikel. Was ich sehr, sehr gut finde als zusätzlichen Ratschlag ist die Pomodoro-Technik. 25 min schreiben und 5 Minuten Pause. Das macht weniger Angst und 25 sind keine riesige Hemmschwelle mehr.

    Liebe Grüße, Carla

  2. Der beste Tipp ist für mich die Bestätigung, dass der Text nicht perfekt sein muss. Es geht viel leichter, wenn ich einfach draus los schreibe und während des Schreibens versuche die richtige Spur zu finden. 🙂

  3. Ich gestehe, habe auch diese Neigung der Aufschieberitis in mir.
    Ich lasse mich von Leben oft noch viel zu sehr ablenken.
    Danke für deine Motivation und den virtuellen Tritt …
    Macht ja sonst keiner 🙂
    Liebe Grüße Zehra

    1. Hallo Zehra,

      hoffentlich lenkt dich meine Antwort nicht auch noch ab. 😉
      Aber lieben Dank für deinen Kommentar. Und virtuelle Tritte gebe ich gerne wieder. Folge einfach meinem Blog und verpasse keinen meiner Tritte. 😉
      Lieben Gruß zurück
      Sascha

  4. Hallo Sascha,
    Dein Artikel hat mir gut gefallen. Das Problem Aufschiebetitis kenne ich auch aus meinem Brotjob. Was tue ich dagegen? Mir hilft meine To – Do – Liste, ich hake gerne Erledigtes ab. Noch schreibe ich an keinem Roman, vielleicht sollte ich es mal versuchen.
    Viele Grüße
    Gerhard

    1. Hallo Gerhard,
      vielen Dank für deinen Kommentar. 🙂
      ToDo-Listen haben nur die unangenehme Eigenschaft (zumindest bei mir), dass sie immer länger und länger werden. Daher finde ich den Ansatz gut, dass man sich auf die fünf wichtigsten Dinge bei einer ToDo-Liste beschränkt, diese dann aber auch konsequent abarbeitet. So läuft man nicht Gefahr, irgendwann vor lauter Todos den Überblick zu verlieren.
      Gruß
      Sascha

  5. Das Internet ist echt eine Prokrastinationsfalle 😉
    Wenn ich schreibe, schalte ich mittlerweile mein Handy auf lautlos. Sonst verführt mich jedes Klingeln dazu, „schnell mal“ Twitter etc. zu checken und die unwichtigsten Anrufe kommen immer dann, wenn man gerade so richtig schön im Schreibfluss ist.

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